Man kann sich durchaus fragen, ob Pferde lieber auf der rechten oder auf der linken Hand laufen. Menschen sind schließlich auch Rechtshänder oder Linkshänder, oder? Wir haben eine bevorzugte Hand, einen stärkeren Fuß, eine Seite, auf der uns Bewegungen leichter fallen. Warum sollte es beim Pferd anders sein?
In der Ausbildung von Pferden sprechen wir von Lateralität – also von einer natürlichen Vorliebe für eine Seite. Viele Pferde haben eine Seite, auf der sie sich leichter biegen, und eine andere, auf der sie sich zunächst steifer anfühlen. Eine Seite kann sich „hohl“ anfühlen, während die andere eher fest oder widerständig ist. Diese natürliche Schiefe gehört zunächst einmal zum Pferd. Sie ist nichts, was man ihm als Fehler anlasten müsste. Die Frage ist vielmehr, was wir in der Ausbildung daraus machen. Denn ein Pferd, das auf seiner vermeintlich guten Seite besonders leicht läuft, lädt geradezu dazu ein, diese Seite immer wieder zu wählen. Die Wendung gelingt besser, die Biegung fühlt sich schöner an und der Reiter hat das Gefühl, alles richtig zu machen. Doch genau darin kann eine Gefahr liegen: Wenn wir immer das trainieren, was ohnehin leichtfällt, können wir die natürliche Schiefe des Pferdes weiter festigen. Im schlimmsten Fall tragen wir dadurch zu einer dauerhaft ungünstigen Belastungsverteilung bei, die auch Lahmheiten begünstigen kann.
Biegung beginnt nicht am Kopf!
Eine korrekte Biegung entsteht nicht dadurch, dass der Kopf des Pferdes mit dem inneren Zügel nach innen gezogen wird. Das Pferd soll sich vielmehr durch den inneren Schenkel hindurch um ihn herum organisieren. Der alte Reitmeister Gustav Steinbrecht spricht in diesem Zusammenhang von der Rippenbiegung. Der innere Schenkel gibt den Impuls, während die übrigen Hilfen dafür sorgen, dass die Biegung tatsächlich durch den Körper geht. Während sich das Pferd in der Biegung – beispielsweise auf einem Zirkel – sozusagen um den inneren Schenkel wickeln soll, haben die Zügel trotzdem eine wichtige Funktion. Beide Zügel führen das Pferd nach innen. Der innere Zügel gibt dabei den Impuls zur Stellung, ohne das Pferd nach innen zu ziehen. Der äußere Zügel begleitet das Pferd ebenfalls nach innen, indem er mit leichtem Druck auf den äußeren Hals das Pferd zur gewünschten Richtung der Vorderhand nach innen motiviert. ABER: Dem äußeren Zügel kommt auch noch eine weitere Bedeutung zu – er soll die äußere Schulter auch begrenzen, wenn das notwendig wird. Die Notwendigkeit erkennen wir oft daran, wenn der Zirkel ungewollt immer kleiner wird und das Pferd die Ecke nach innen hin abkürzt. Die Biegung sieht dann vielleicht von außen zunächst überzeugend aus, trägt aber nicht zur Geraderichtung bei. Im Gegenteil: Eine falsch ausgeführte Biegung kann die vorhandene Schiefe sogar verstärken. Hier kann es – zumindest kurzzeitig und immer wieder auch nachgebend – helfen, die äußere Hand etwas mehr aufzurichten und das Pferd dadurch zu unterstützen. Ziel der guten Reiterei ist jedoch eine lediglich sanfte Anlehnung, bei der kleine Impulse für das Pferd ausreichen, damit es korrekt in der Biegung läuft. Die Hauptaufgabe haben schließlich der Schenkel und die Hüfte des Reiters. Ich erinnere noch einmal daran: Das Pferd soll sich in der Biegung um den inneren Schenkel des Reiters organisieren. Dabei unterstützt auch die innere Hüfte des Reiters, indem sie in der in der Biegung etwas vor geht, so dass das Gewicht des Reiters leicht (!) nach innen geleitet wird. Auf dem inneren Steigbügel kann etwas mehr Druck ausgeübt werden als auf dem äußeren.

Wenn ein Pferd in einer Wendung oder Biegung regelmäßig stockt, den Takt verliert, in eine andere Gangart fällt oder deutlich über eine Schulter ausweicht, sollte man nicht einfach dauerhaft stärker einwirken. Zunächst lohnt sich die Frage: Kann das Pferd diese Bewegung körperlich überhaupt schon leisten? Vielleicht braucht es größere Linien, mehr Zeit, mehr Tragkraft oder eine andere gymnastische Vorbereitung. Und natürlich gilt auch: Wiederkehrende oder deutliche Schwierigkeiten in einer bestimmten Bewegung sollten nicht ausschließlich als Ausbildungsproblem betrachtet werden. Auch körperliche Ursachen können eine Rolle spielen.
Biegsamkeit braucht Geduld
Gustav Steinbrecht erinnert daran: Nicht jedes Pferd entwickelt seine Biegung gleich schnell. Ein von Natur aus sehr bewegliches Pferd kann sich vielleicht schon früh leicht wenden und in eine schöne Biegung bringen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es bereits gut ausbalanciert und geradegerichtet ist. Umgekehrt kann ein sehr steifes Pferd wesentlich länger brauchen, bis es sich zwanglos biegen kann. Darum gilt es zu betonen:
Die Qualität der Ausbildung zeigt sich deshalb nicht unbedingt darin, wie schnell ein Pferd eine schöne Biegung zeigt. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie der Bereiter mit den individuellen körperlichen Voraussetzungen des Pferdes arbeitet und daraus allmählich mehr Beweglichkeit, Balance und Tragkraft entwickelt.
Das Ziel der Ausbildung ist eine zwanglose Haltung, in der das Pferd seine Bewegungen zunehmend aus eigener Balance heraus ausführen kann.
Wie beginne ich denn nun damit, das Pferd behutsam zu biegen? Zunächst einmal ist wichtig zu betonen, dass für eine gelingende Biegung die Rücken- und Hinterhandmuskulatur des Pferdes stark genug ausgebildet sein muss. Wenn das Pferd prinzipiell gut vorwärts läuft und keine Einschränkungen hat, kann man mit der Arbeit an der Biegsamkeit ruhigen Gewissens beginnen. Bei meinen Reitschülern empfehle ich oftmals – orientiert an Steinbrecht –, die Ecken ordentlich auszureiten. Dabei nutze ich auch gerne Pylonen als Sichtmarker. Denn: Schon jede Ecke eines Reitplatzes ist im Grunde eine Viertelvolte. Man kann sie bewusst ausreiten und dem Pferd dabei Gelegenheit geben, die Biegung in kleiner Dosis zu erfahren.

Als Nächstes können große Zirkel und sogar Volten in den Ecken hinzukommen. So entsteht eine natürliche Steigerung, ohne das Pferd gleich mit einer langen, anspruchsvollen gebogenen Linie zu überfordern.


Es empfiehlt sich, die Aufgaben im Schritt zu beginnen und nach und nach den Trab dazu zu nehmen. Gerne können diese Übungen auch mit vielen Übergängen im Schritt und Trab geritten werden.
Mit Seitengängen zu Geraderichtung
Schulterherein und Travers und andere seitwärtsführende Übungen können ebenfalls helfen, die unterschiedlichen Seiten des Pferdes gezielt zu gymnastizieren. Sie verlangen eine differenzierte Koordination der Gliedmaßen, fördern die Beweglichkeit des Rumpfes und helfen dem Pferd, seine Körperteile bewusster und unabhängiger voneinander zu benutzen. Dabei geht es nicht darum, eine Seite für immer als „schlechte Seite“ zu behandeln. Anja Beran empfiehlt beispielsweise, zunächst die steifere Seite zu bearbeiten, dann die hohle Seite und anschließend wieder die steifere Seite. Der Gedanke dahinter gefällt mir sehr: Beide Seiten werden gymnastiziert, aber die schwierigere Seite darf zeitweise etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das Pferd soll schließlich nicht lernen, eine Seite besonders gut und die andere möglichst wenig zu benutzen. Es soll lernen, beide Seiten zunehmend gleichwertig einzusetzen.
Natürliche Schiefe ist kein Fehler
Vielleicht führt uns die Frage nach dem „Rechts- oder Linkshänder“ deshalb am Ende zu einer etwas anderen Antwort. Ja, Pferde haben natürliche Vorlieben für die Nutzung einer Seite. Die Aufgabe des Bereiters besteht darin, diese Unterschiede zu erkennen und sinnvoll mit ihnen zu arbeiten. Wir müssen ihre natürliche Vorliebe nicht auslöschen. Wir müssen lernen, mit ihr zu arbeiten – und das Pferd allmählich dahin zu bringen, dass es sich auf beiden Seiten frei, ausbalanciert und zwanglos bewegen kann. Geraderichtung entsteht aus der gymnastischen Arbeit an seiner Schiefe.