Von Mythen und Kentauren – Mit den Füßen des Pferdes denken

Kennt ihr das Wesen mit dem Körper eines Pferdes und dem Kopf eines Menschen? Einen Kentauren? Die Gestalt stammt aus der griechischen Mythologie. Sie verbindet zwei Welten miteinander – den Menschen und das Pferd. Ich finde, das ist eines der schönsten mythologischen Fabelwesen, die es gibt. Gerade als Reiter und Pferdemensch führt es zu der Frage: Wie eng können Mensch und Pferd miteinander verschmelzen?


Ich habe kürzlich das Werk École de Cavelerie von François Robichon de La Guérinière aus dem Jahr 1733 gelesen – das Hauptwerk des französischen, königlichen Reitmeisters, der auch als Begründer der modernen Reitkunst gilt. In der École de Cavalerie findet sich als Frontispiz eine Darstellung mit dem Titel „Éducation d’Achille“ (Die Erziehung des Achilles), an der ich sofort hängen geblieben bin. Zu sehen ist Chiron – ein Kentaur, und zwar der wohl berühmteste, der auf seinem Rücken einen Knaben trägt. Chiron ist ein besonderer Kentaur: Er ist nicht wie die anderen Fabelwesen wild, brutal und lüstern, sondern gebildet, kultiviert und weise. Chiron ist die idealisierte Verschmelzung zwischen Mensch und Pferd. Und dieses ideale Wesen mit Menschenkopf und Pferdekörper wird der griechischen Mythologie nach der Lehrer eines berühmten Helden – nämlich von Achill. Ihr kennt Achill sicherlich aus Homers Ilias und als großen Krieger im Kampf um Troja. Auch die sprichwörtliche „Achillesferse“ geht auf seine Geschichte zurück. Dieser Achill wird – wie ihr auf dem Frontispiz seht – von Chiron erzogen und ausgebildet – in der Kriegskunst, in Musik und Heilkunde. Chiron lehrt seinem berühmten Schüler also nicht nur das Reiten, sondern bildet ihn umfassend aus. Kommt euch das bekannt vor? Ich musste sofort an das Konzept von Antoine de Pluvinel denken, der bereits rund 100 Jahre zuvor ähnliches forderte (siehe Artikel über Pluvinel). Dass La Guérinière für die Darstellung der École de Cavelerie auf diese antike Bildsprache mit den mythologischen Fabelwesen zurückgreift, finde ich jedenfalls bemerkenswert.  



Die Ausbildung des Reiters für den Krieg

Reitkunst war zu La Guérinières Zeit – also im frühen 18. Jahrhundert – mehr als das, was wir heute darunter verstehen. Der gut ausgebildete Reiter war zugleich oftmals Krieger oder bildete Pferde dazu aus. Das Pferd war kein Sportpartner, sondern ein existenziell wichtiger Lebensbegleiter. Wer mit seinem Pferd in den Krieg zog, musste sich aufeinander verlassen können. Das Pferd musste auf feinste Hilfen reagieren – auch unter Lärm, Angst und in Gefahr. Der Reiter wiederum musste seinen Körper und den seines Pferdes genau kennen. Die Verbindung zwischen Mensch und Pferd war deshalb nicht nur eine Frage von Harmonie oder Schönheit. Sie konnte über Sicherheit und im äußersten Fall über Leben und Tod entscheiden. Vielleicht erklärt das auch, warum die alten Reitmeister wie Pluvinel und La Guérinière immer wieder nicht nur von der Ausbildung des Pferdes sprechen, sondern auch von der Ausbildung des Menschen – neben körperlichen Fähigkeiten galt es eben auch Ruhe bewahren sowie konzentriert, strategisch und klug agieren zu können.


Reiten ohne Sattel

Was das Körperliche angeht, finde ich das Frontispiz von La Guérinières Werk besonders interessant: Achill sitzt bei seiner Ausbildung auf Chiron ohne Sattel und ohne Zaumzeug. Er kann sich nicht über Ausrüstung von der Bewegung unter ihm abgrenzen. Er muss seinen eigenen Körper einsetzen. Er muss spüren, wie sich der Körper unter ihm bewegt, und lernen, sich dieser Bewegung anzupassen. Dieser Gedanke erinnert mich an einen Satz, den eine Trainerin einmal zu mir gesagt hat:

„Kerstin, Du musst mit Samiras Füßen denken.“

Der Satz ist mir geblieben. Denn für mich beschreibt er inzwischen ein Ziel der Reitkunst: nicht nur zu wissen, was meine eigenen Hände und Beine tun sollen, sondern meine Hilfengebung mit Samiras Körper zu synchronisieren. Das ist leichter gesagt als getan und gilt deswegen nicht umsonst als Reitkunst! Chiron besitzt als Kentaur bereits diese Fähigkeit, denn er hat einen menschlichen Kopf und den Körper eines Pferdes. Er kann mit den Füßen eines Pferdes denken. Vielleicht ist es  das, was er seinem berühmten Schüler Achill beibringen möchte? 


Erst verstehen, dann fühlen

Ich bin weit davon entfernt, mich wie ein Kentaur oder der Held Achill zu fühlen. Aber ich möchte gern als Motivation an den Gedanken anschließen. Wenn ich eine neue Lektion erarbeite, muss ich zunächst selbst verstehen, was ich eigentlich erreichen möchte. Ich muss mir die Hilfengebung erst gedanklich und körperlich klar machen, bevor ich sie körperlich umsetzen kann. 

  • Welche Hilfe gebe ich wann? 
  • Was soll sie im Körper des Pferdes bewirken? 
  • Warum gebe ich sie genau an dieser Stelle? 

Eine Hilfe sollte für mich nicht einfach eine auswendig gelernte Handlung sein. Ich möchte verstehen, welche Bewegung ich damit beim Pferd auslöse. Erst aus diesem Verständnis heraus kann allmählich ein Gefühl entstehen. Im nächsten Schritt muss ich nicht mehr darüber nachdenken, was mein Körper tut, sondern beginne es zu spüren und mich mit dem Pferd zu verbinden. Das Ziel ist: Mit den Füßen des Pferdes zu denken. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich so gerne ohne Sattel reite, manchmal sogar ohne Zaumzeug. Nicht, weil das grundsätzlich die bessere Art des Reitens wäre, sondern weil ich Samira dann unmittelbarer spüre – ihren Rhythmus, ihre Bewegung, ihre Balance. Ohne Sattel kann ich mich weniger von ihrer Bewegung entfernen. Ich muss lernen, mit ihr mitzuschwingen und meinen Körper immer besser an ihren anzupassen. Diese Erfahrung möchte ich anschließend wieder mit in den Sattel nehmen. Denn vielleicht geht es bei der Reitkunst irgendwann genau darum: dass wir nicht mehr ausschließlich über unsere eigenen Hilfen nachdenken, sondern beginnen, die Bewegung des Pferdes mitzudenken. 











Aus zwei Köpern wird eine Bewegung

Der Kentaur ist ein mythologisches Wesen. In der Realität bleiben wir zwei Körper. Doch wir können lernen, uns so aufeinander einzustellen, dass aus zwei Bewegungen eine gemeinsame wird. Der Mensch muss lernen, seinen Körper zu beherrschen, ruhig zu bleiben, zu beobachten, zu verstehen und im richtigen Moment zu handeln. Er muss irgendwann noch etwas anderes lernen: nicht nur auf dem Pferd zu sitzen, sondern sich mit ihm zu synchronisieren. Vielleicht bedeutet „mit den Füßen des Pferdes denken“ genau das: die Welt für einen Augenblick aus der Bewegung des Pferdes heraus zu verstehen. Wäre das nicht wunderschön, wenn das irgendwann selbstverständlich gelänge? Und auf dem Weg dorthin dürfen wir uns über alle klitzekleinen Momente dieser Art freuen. Sie haben etwas sagenhaft Mystisches!


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