Gedanken über Individualität und Geduld in der Pferdeausbildung – auf historischen Spuren des Reitmeisters Antoine de Pluvinel im 16. Jahrhundert. Was können uns die alten Reitmeister heute noch über den individuellen Umgang mit Pferden lehren? Ein Gespräch unter Reiterinnen hat mich zu dieser Frage zurückgeführt.
Ein lauer Sommerabend und ein gutes Gespräch bei Weißwein – natürlich über Pferde! Vor ein paar Tagen traf ich mich mit lieben Reitkolleginnen am Rande des Reitplatzes, um rund zwei Stunden über Pferdeausbildung zu diskutieren. Grund dafür war, dass eine Pferdebesitzerin ihr Pferd von einer Stallkollegin reiten ließ, die auch Trainerin ist. Sie wollte erfahren, welche neuen Ansätze sie bei den Problematiken ihres Pferdes anwenden könnte. Und aus dieser Situation heraus entwickelte sich ein interessantes Gespräch.
Wir vier kommen aus unterschiedlichen Disziplinen: Distanzreiten, Geländehindernisreiten, Allrounder – und ich selbst beschäftige mich intensiv mit der altklassischen Reitkunst. Interessant war dabei gar nicht so sehr, wer welche Methode für die richtige hielt. Viel spannender fand ich, dass niemand versucht hat, die eine allgemeingültige Lösung zu präsentieren. Denn das Pferd, um das es an diesem Abend ging, hatte bereits verschiedene Ausbildungsschritte und Herangehensweisen kennengelernt. Manche Dinge funktionierten gut, andere weniger. Dazu kamen ganz individuelle körperliche Voraussetzungen und Grenzen. Und damit waren wir ziemlich schnell bei einer Frage, die mich auch beim Lesen der alten Meister immer wieder beschäftigt:
Kann man ein Pferd überhaupt nach einem festen Schema ausbilden?
Meine Antwort darauf wird zunehmend deutlicher: Nein. Das bedeutet allerdings nicht, dass Ausbildung beliebig wird. Im Gegenteil. Ich glaube, dass es durchaus sinnvoll ist, eine gewählte Herangehensweise zunächst einmal konsequent und über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, bevor man beurteilt, ob sie funktioniert. Ein Pferd braucht Zeit, um etwas zu verstehen, körperlich umzusetzen und neue Bewegungsmuster zu entwickeln. Wer bei jeder Schwierigkeit sofort die Methode wechselt, kann am Ende kaum feststellen, was tatsächlich Wirkung gezeigt hätte.
Ich musste nach diesem Abend an den französischen Reitmeister Antoine de Pluvinel denken und schlug einen Tag später dessen Buch L'instruction du Roy en l'exercice de monter à cheval auf – ein Buch über Reitkunst aus dem Jahr 1666 (posthum editiert). Ich glaube, dass wir manchmal gut damit beraten sind, historische Quellen zu lesen und sie neu zu interpretieren. Der französische Reitmeister Pluvinel, zu dessen Schüler König Ludwig XIII. sowie Cardinal de Richelieu (später als Figur in Alexandre Dumas Roman Die drei Musketiere bekannt geworden) gehörten, war einer der führenden Köpfe der Reitkunst im 16. und frühen 17. Jahrhundert. Er betonte schon vor rund 400 Jahren: Jedes Pferd gilt es individuell zu beurteilen – seine Stärken und Schwächen müssen in der Ausbildung stets berücksichtig werden. Ein guter Reiter muss sein Pferd kennen und dieses Wissen in seine Ausbildung einbeziehen. Zugleich ist er selbst gefordert, seinen Charakter und seinen Blick zu schulen.
Für die Ausbildung eines Pferdes sind nach Pluvinel notwendig:
la patience – Geduld
la résolution – Entschlossenheit
la douceur – Sanftmut
la force requise – die erforderliche Festigkeit
Das sind vier Begriffe, die sozusagen die Grundpfeiler in der Ausbildung von Pferden sind. Was ich daran besonders bemerkenswert finde: Pluvinel spricht eben nicht nur über die Ausbildung des Pferdes. Er spricht auch über die Charakterschulung und den geschulten und verständnisvollen Blick des Reiters.
Die Pferdeausbildung beginnt beim Reiter
Für Pluvinel gehört ein agiler und wohl proportionierten Körper zu einem guten Reiter. Er soll außerdem über Verstand verfügen und vor allem über einen gefestigten Geist. Das erscheint mir erstaunlich modern. Denn wenn wir von einem Pferd Ruhe, Balance, Selbstbeherrschung und Klarheit verlangen, müssen wir uns fragen, ob wir diese Eigenschaften selbst mitbringen.
- Wie ruhig bin ich, wenn etwas nicht funktioniert?
- Wie klar sind meine Hilfen?
- Kann ich abwarten, ohne passiv zu werden?
- Kann ich eine einmal eingeschlagene Linie geduldig verfolgen?
- Und kann ich gleichzeitig erkennen, wann mein Pferd tatsächlich an eine Grenze kommt?
Wir selbst müssen als Reiter daran arbeiten, ruhig und klar zu agieren und mit dem Pferd zu kommunizieren.
Gerade der letzte Punkt ist entscheidend.
Kein Pferd ist wie das andere.
Ein guter Ausbilder muss sein Pferd beobachten können. Nicht nur seine Bewegung, sondern auch seine Gewohnheiten, seine körperlichen Voraussetzungen, seine Stärken und seine Schwierigkeiten. Zwei Pferde können auf dieselbe Hilfe völlig unterschiedlich reagieren. Was bei dem einen Pferd eine sinnvolle Unterstützung ist, kann bei einem anderen zu viel sein – oder schlicht nicht die richtige Lösung. Deshalb kann Pferdeausbildung nicht bedeuten, ein Pferd in ein vorgefertigtes System zu pressen. Individualität bedeutet aber nicht Beliebigkeit. Ich kann ein Pferd individuell behandeln und ihm trotzdem klare Grenzen und eine klare Linie geben. Für mich gehört deshalb beides zusammen: Sanftmut und Konsequenz sind kein Widerspruch. Ein Pferd individuell zu behandeln bedeutet nicht, ihm alles durchgehen zu lassen. Es bedeutet vielmehr, zu erkennen, wo dieses Pferd gerade steht und was es leisten kann – und es innerhalb seiner Möglichkeiten klar, geduldig und entschlossen weiterzuentwickeln. Dabei spielt für mich auch das richtige Maß eine große Rolle. Nicht jede Schwierigkeit muss sofort überwunden werden. Manchmal braucht etwas Zeit. Manchmal braucht es eine andere Erklärung. Manchmal eine andere Übung. Und manchmal muss man auch akzeptieren, dass ein Pferd eine bestimmte körperliche oder mentale Voraussetzung schlicht nicht mitbringt. Das ist keine Niederlage. Es ist Teil guter Ausbildung, die Grenzen des Pferdes zu kennen.
Und wer bildet eigentlich wen aus?
Vielleicht ist das für mich die interessanteste Verbindung zu Pluvinel. Seine Reitschule – die Académie d’équitation in Paris – war nicht einfach eine Schule, in der junge Männer lernten, auf einem Pferd zu sitzen. Zur Ausbildung gehörten auch Tanz, Auftreten und gutes Benehmen. Reitkunst war eingebettet in eine umfassendere Ausbildung des Menschen. Das erscheint zunächst wie eine historische Besonderheit. Je länger ich mich mit den alten Reitmeistern beschäftige, desto weniger empfinde ich es allerdings als nebensächlich. Denn auch heute bilden wir beim Reiten nicht nur unser Pferd aus. Wir bilden uns selbst mit. Unsere Ruhe. Unsere Klarheit. Unser Timing. Unsere Fähigkeit, zu beobachten. Unsere Geduld. Unsere Entschlossenheit. Und nicht zuletzt unsere Fähigkeit, die eigenen Vorstellungen immer wieder am Pferd zu überprüfen. Vielleicht liegt genau darin eine der zeitlosesten Ideen der klassischen Reitkunst:
Wir bilden nicht nur das Pferd aus. Wir bilden uns selbst mit aus.
Und vielleicht beginnt gute Pferdeausbildung genau dort.
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